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PHASE ZWEI DER KINDERSTUBE Ein Blick in die Kinderstube der Greifvogelstation Berg am Irchel: Waldkauz- und Waldohreulenküken drängen sich auf einem Ast dicht aneinander. Full view

PHASE ZWEI DER KINDERSTUBE

Die Greifvogelstation Berg am Irchel befindet sich bereits mitten in der «Aufzuchtzeit». Bis Ende der letzten Woche wurden schon 24 Jungvögel eingeliefert und gepflegt. Nur bei einem einzigen dieser jungen Patienten handelt es sich um einen sogenannten Taggreifvogel. Die grosse Mehrheit der Kücken sind Waldkäuze und Waldohreulen, Nachtgreifvögel also. Der Mäusebussard, der letzte Woche eingeliefert wurde, läutet nun die alljährliche zweite Phase in der «Aufzuchtzeit» ein.

Die Zahlen sind auf den ersten Blick sehr verwunderlich: 16 Waldkäuze und 6 Waldohreulen wurden dieses Jahr bereits als Nestlinge eingeliefert, jedoch noch kein einziges Rotmilan- oder Turmfalkenküken. Einzig ein junger Mäusebussard wird seit etwa einer Woche in der Greifvogelstation gepflegt. Über das gesamte Jahr hinweg gehören Rotmilane, Turmfalken und Mäusebussarde jedoch zu den vier am meisten gepflegten Vogelarten in der Station. Das Muster, dass zuerst Küken der Eulen und erst einiges später jene der Greifvögel eingeliefert werden, wiederholt sich bei uns jährlich. Dies hat allerdings nicht, wie man vielleicht zunächst annehmen würde, mit unterschiedlichen Brutzeiten zu tun, denn die unterscheiden sich nicht  gravierend. Der Grund ist bei ihrem Brutverhalten zu finden. Während die Jungtiere von Mäusebussard, Rotmilan und Turmfalke ihr Nest nicht verlassen, bis sie zu ihrem ersten Flugversuch ansetzen, wird die Nisthöhle vom Waldkauz den Küken schnell zu klein und sie klettern hinaus auf die Äste. Waldohreulen brüten zum Beispiel in alten Krähennestern, da werden die Jungen schon einmal durch starke Frühjahrsstürme heruntergeweht. Zu diesem Zeitpunkt können sie aber noch nicht selber fliegen und jagen, weswegen sie weiterhin von den Eltern versorgt werden.

Die sogenannten Ästlinge werden dann oft von Spaziergänger*innen entdeckt und für hilflose Küken gehalten. Sie werden mitgenommen und zu uns in die Greifvogelstation gebracht, mit der Absicht, sie zu retten. Leider werden die Jungtiere durch dieses Missverständnis aus ihrem natürlichen Umfeld gerissen. Die jungen Eulen sollten also unbedingt nur dann mitgenommen werden, wenn sie verletzt oder krank sind. Ganz im Gegensatz zu den Küken der tagaktiven Greifvögel. Wenn ein junger, noch flugunfähiger Mäusebussard, Rotmilan oder Turmfalke am Boden gefunden wird, ist er mit grösster Wahrscheinlichkeit aus dem Nest gefallen. Diese Jungtiere sollten immer in die Greifvogelstation gebracht werden, denn sie sind auf dem Boden eine leichte Beute für Raubtiere.

Aber wie soll man die Küken von Eulen und Greifvögeln denn überhaupt unterscheiden? Es gibt drei entscheidende Unterscheidungsmerkmale: Eulen haben runde Köpfe mit nach vorne ausgerichten Augen und ihre Füsse sind gefiedert. Taggreifvögel hingegen haben schmalere Köpfe mit seitlichen Augen und die Füsse sind bei ihnen nackt.

Die jungen Greifvögel draussen in ihren Nestern machen aktuell grosse Entwicklungsschritte und werden immer ungeduldiger. In den nächsten Wochen werden daher einige von ihnen leider aus ihren Nestern fallen. Wenn Sie bei einem Spaziergang also ein Greifvogelküken am Boden oder im Geäst entdecken, untersuchen Sie es auf folgende Merkmale: Sind seine Füsse nackt? Befinden sich seine Augen auf der Seite seines schmalen Kopfs? Wenn ja, sollten Sie den Vogel so schnell wie möglich dem Tierrettungsdienst melden oder mithilfe eines Tuchs in einen Karton packen und zu uns nach Berg am Irchel fahren. Aber Vorsicht, auch Jungvögel können mit ihren Schnäbeln und Krallen schmerzhafte Verletzungen verursachen!

In der Greifvogelstation Berg am Irchel bereiten wir uns nun darauf vor, dass die Aufzucht der jungen Greifvögel in den kommenden Wochen unseren Alltag bestimmen wird. Die Arbeit mit den Eulenküken nimmt hingegen bereits ab. Die jungen Waldkäuze und Waldohreulen verrichten schon ihre ersten Flugversuche in der Eulenvoliere.

> Mehr über die Eulenküken, die irrtümlicherweise zu uns gebracht werden
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